Ein Upgrade in die Ausgeglichenheit

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Photo by Osman Rana on Unsplash

Ich sitze im ICE auf dem Weg von einer Großstadt in die nächste. Ich hatte ein wirklich schönes Wochenende, habe den besten Käsekuchen der Stadt gegessen, aber ich freue mich auch auf die Arbeit am Montag, auf meine Kollegen und auf die Patienten. Im Hier und Jetzt ist es allerdings noch nicht so weit, ich bin gerade in der Bahn und kann mich nicht beschweren. Ich habe ein 1. Klasse Upgrade bekommen (bzw. einen Zuschlag bezahlt) und muss sagen: Hier gefällt es mir. Es ist ruhig und leer und leise.

Normalerweise sitze ich mit allen anderen in der 2. Klasse. Ich bin dort nicht alleine, wir sind viele: Kinder, Säuglinge, Hunde, Eltern und Menschen mit Gepäck, das größer ist als sie selbst. Voll, voller und einmal musste die Polizei den Zug sogar räumen. Kein Wunder, denn an der Hotline der Bahn hat mir eine Mitarbeiterin irgendwann einmal zugesichert, dass alles, was man tragen kann, mitreisen darf. Es sollen sogar schonmal zwei Menschen mit einem Stuhl von Frankfurt nach Berlin gefahren sein. Also, habe ich mir sagen lassen…

Jedenfalls bin ich mir ziemlich sicher, dass ich durch das Reisen im Luxuswagon entspannter am Ziel ankomme, als sonst. Und das ist schon ziemlich irre, oder? Also, dass man sich mit Geld Entspannung und Ruhe kaufen kann.

Ich habe natürlich gut überlegt, ob ich 9,90 Euro mehr zahlen und damit ein Upgrade bekommen will. Und ob es moralisch vertretbar ist, erstens das zu tun und zweitens einen Text darüber zu schreiben. Ich weiß, dass es Menschen gibt, die sich den ICE nicht leisten können. Die froh und dankbar wären überhaupt reisen zu dürfen. Aber, das kennen wir von der Bedürfnispyramide nach Maslow: Erstmal müssen die basalen Bedürfnisse befriedigt werden. Und da beschwere ich mich über zu volle Abteile in der zweiten Klasse.

Von der Achtsamkeitsperspektive aus betrachtet, ist der Kauf der 1. Klasse-Karte allerdings ne glatte Eins: Ich habe auf mich und meine Bedürfnisse gehört. Natürlich kann man auch achtsam und erholt in der zweiten Klasse fahren. Man kann sich üben in Akzeptanz, wenn jemand laut im Ruheabteil telefoniert. Man kann lernen den Ist-Zustand anzunehmen. Aber ehrlich gesagt, wenn ich die Wahl habe, dann habe ich lieber meine Ruhe. Und zahle, wenn es sein muss, ein bisschen mehr.

In der Arztpraxis ist das mit dem Geld auch so eine Sache. Privatpatienten beispielsweise bekommen vielerorts schneller einen Termin als Kassenpatienten. Oder eine ausführlichere Untersuchung. Mit Geld kann man sich aber auch Sicherheit kaufen, eine Wohnung mieten, die nicht an der Hauptstraße liegt, von der aus man in der Nacht die frische Feldluft einatmen kann. Und das wirkt sich natürlich auch auf die Psyche aus: Also, wenn man Lebensumstände schafft, in denen man ein niedrigeres Stresslevel hat.

Das stimmt mich traurig und nachdenklich. Und es ist irgendwie nur noch halb so gemütlich in meinem Ledersessel mit Beinfreiheit. Immerhin, und das ist mein Trost, bringt mich dieser Umstand zum Nachdenken, dazu, mein eigenes Leben, und meinen Umgang mit Geld zu hinterfragen. Es erinnert mich an meine Selbsterfahrung in der Therapeutenausbildung, in der wir darüber reflektierten, welchen Stellenwert ein gefülltes Bankkonto für uns hat. Es ist gut das zu hinterfragen, um zu wissen, warum man aufsteht und zur Arbeit geht. Aber auch, wogegen man das dabei erarbeitet Geld eintauschen will.

Jedenfalls, und das ist mein kleines Zwischenfazit, schadet es nicht sich selbst, seine Einstellungen und seine Gewohnheiten von Zeit zu Zeit  zu hinterfragen. Es ist immer gut, an sich zu arbeiten. Aber bei all der Grübelei sollte man natürlich nicht vergessen, sich auch mal etwas zu gönnen. Und wenn es nur 9,90 Euro für ein Upgrade in die Ausgeglichenheit sind.

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10 Kommentare Gib deinen ab

  1. Katja sagt:

    Ein herrlicher Beitrag. Danke dafür

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  2. Ach, dank dir ❤️ Ich war ganz unsicher, ob so viel Offenheit nicht ggf. falsch rüberkommt. Da bin ich aber beruhigt 🙂

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  3. Melanie sagt:

    Es ist ein Aspekt der Realität.

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  4. Petra richtig sagt:

    Ich habe solche Gedanken auch ab und zu, wenn ich mir was gönne. Jedoch kein hungriger Mensch bekommt Essen, nur weil ich mir ab und zu ein Essen beim Italiener leiste. Ich habe bis vor wenigen Jahren mir selbst nichts gegönnt. Das babe ich geändert. Und niemand auf der Welt bekommt weniger, weil ich mir was gutes tu. Trotzdem ist es wichtig, auch nach links und rechts zu schauen.

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  5. Marie sagt:

    Ein schöner, nachdenklicher Artikel. Er zeigt, dass es eben nicht selbstverständlich ist, dass es einem finanziell besser geht als anderen Menschen. Und dann kommt die Frage: Geht es Dir/Mir/Uns deswegen automatisch auch seelisch besser? Oder brauchen wir vielleicht nur das Upgrade in die 1. Klasse, eben weil wir es uns leisten können? Wie auch immer man das für sich beantworten möge, ich glaube solange man sich dieses kleinen Luxus bewusst ist, er nicht zur banalen Alltäglichkeit oder gar zum Muss wird und man dabei nicht vergisst, dass es eben auch anders geht (und das ab und an auch noch kultiviert 🙂 hat man in vielen Bereichen schon recht viel richtig gemacht.

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  6. Laura sagt:

    Ein traumhafter, nachdenklicher Text! So oft hänge ich mit dem Cursor über dem 1-Klasse-Angebot. Und schwanke zwischen „meinen feinen Antennen eine ruhige Reise gönnen“ und „man ist das teuer!“. Irgendwann werde ich mir diesen Luxus mal gönnen, bis dahin investiere ich das Geld in Batterien für meine Noice Cancelling Kopfhörer 🙂

    Viele Grüße
    Laura

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  7. Hallo Lena,

    vor kurzem bin ich durch eine Buchbloggerin (@dbroesel auf Instagram) auf dein Buch aufmerksam geworden. Ich selber bin momentan in einer nicht so ganz einfach Phase und ringe mich gerade dazu durch mir Hilfe zu holen. Als ich dein Buch gelesen habe, habe ich mich in vielen Abschnitten sehr verstanden gefühlt, auch wenn ich vielen von dem, was am Anfang im Buch geschrieben wurde bereits wusste. Ich habe in der Schule Psychologie Unterricht gehabt und arbeite jetzt als Ergotherapeutin. Es müsste mir also auch klar sein, wie wichtig eine gesunde Psyche ist, aber wenn es um einen selbst geht, dann ist es wieder ganz schnell vorbei mit dem kluge Ratschläge umsetzen, die man selbst anderen erteilt.

    Jedenfalls, fand ich dein Buch wirklich gut geschrieben, habe es gerne gelesen und wollte mich noch nicht von deinen Texten verabschieden, weshalb ich auf deinem Blog gelandet bin.

    Der Text hier ist so wahr. Ich finde es grauenhaft, dass so vieles im Leben, was einem den Alltag und damit auch die Psyche erleichtert mit Geld verbunden ist. Ständig müssen sich manche Menschen um alles Sorgen machen. Sie können nicht einfach mal in ein Restaurant gehen oder sich eine spontane Auszeit am Meer gönnen, um den Kopf frei zu kriegen. Und dann frage ich mich immer wieder, ob ich einfach zu beschränkt bin, um zusehen, was ich alles Gutes habe. Dass es mir gut gehen müsste, zumindest, wenn man meine Lebensumstände betrachtet. Zumindest bin ich durchaus in der Lage mir eine Pizza zu bestellen, wenn einfach eine Pizza von Nöten ist, ein Buch zu kaufen (auch wenn ich noch zehn ungelesene zu Hause habe), weil es der Seele gut tut oder mir eben Ruhe zu gönnen indem ich mir – wie du – gegen einen Aufpreis ein anderes Ticket kaufe.

    Es darf nicht sein, dass andere Menschen noch mehr Druck von außen aushalten müssen, nur weil sie nicht das nötige Kleingeld besitzen.

    Vielen Dank für deine zum Nachdenken anregenden Texte.

    Lotta

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  8. Liebe Lotta, viiiielen Dank für diese nette Nachricht und schön, dass du jetzt auch hier immer mal wieder vorbeischaust bzw. dem Thema treu bleibst.
    Ich finde das alles auch sehr ungerecht. Um so mehr freue ich mich, dass wir uns hier über das Thema austauschen können.
    Viele Grüüüße 🙂

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  9. Renate Hauer sagt:

    Liebe Frau Kuhlmann, ich habe heute im MM ihren Beitrag gelesen und mein Herz ging auf. Er ist so geschrieben, dass ich denke dass es viele Menschen lesen und verstehen können. Ich selbst habe eine generalisierte Angststörung und durch die Unterstützung mit Therapie und 2 Klinikaufenthalten on Psychosomatischen Kliniken so viel lernen können und dafür bin ich dankbar. Mein Leben ist viel lebendiger und freudvoller geworden. Der Angst die durch einen schweren Herzinfarkt vor 2 Jahren entstanden ist konnte ich gut begegnen. Hätte ich vor 2Jahrzehnten keine Hilfe gesucht, wäre der Angst ausgeliefert gewesen. Vielen lieben Dank für diesen guten menschlichen Artikel und ihren Blog Renate

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  10. Ein schöner Artikel, und vor allem so differenziert!
    Ich bin schon lange nicht mehr Bahn gefahren, habe bei meiner letzten Fahrt aber auch ein 1.Klasse-Ticket genommen, da es nur 5€ mehr gekostet hat. Da der ICE ein Anschlusszug war und mein voriger Zug sehr knapp ankam, musste ich gleich in die nächstbeste Tür des ICE springen (in der 2. Klasse) und mich dann innen durcharbeiten. Die Leute stapelten sich dort mitsamt Gepäck, es war kaum ein Durchkommen und ich wusste nicht einmal, ob ich in die richtige Richtung unterwegs bin. Eine Zugbegleiterin kam mir entgegen, die sich ihrerseits ebenfalls den Weg durch die Gäste bahnte, welche schon in den Fluren und Eingangsbereichen standen. Mit meinem besten Mantel angezogen und hübschen Stiefelchen an fragte ich die Zugbegleiterin, wo es denn hier zur ersten Klasse ginge. Ich wollte überhaupt nicht arrogant klingen (schließlich hatte ich einfach nur Glück und habe das Ticket so günstig bekommen), aber ich spürte, wie die Blicke sämtlicher mich umgebender Leute, die es sich irgendwie auf ihren Koffern bequem zu machen versuchten, mich förmlich durchbohrten. Ich kassierte auch einige abfällige Blicke und fühlte mich in dem Moment richtig schuldig. Warum? Weil ich das Glück hatte, an ein günstiges Ticket zu kommen (Sparpreis-Ticket, das war selbst in der 1. Klasse günstiger als ein „normales“ Ticket in der 2.Klasse)? Weil ich nicht mitteilen konnte, dass mein Ticket gar nicht unbedingt teurer war als das meiner Mitfahrer in der 2. Klasse? Weil mir bewusst wurde, dass sich viele Menschen ein „normales“ 1.Klasse-Ticket nicht leisten können? Weil meine Aussage vielleicht von manchem so aufgenommen wurde, als ob ich etwas „Besseres“ sei? Und wahrscheinlich spielten auch noch ein paar Projektionen mit (von beiden Seiten)…
    Vielleicht von allem etwas.

    In der ersten Klasse selber habe ich dann aber ähnliche Erfahrungen wie du gemacht. Die Ruhe tat mir sehr gut. Aber ja, sie ist (leider) ein Luxusgut und ich finde es schön, dass du so differenziert darüber schreibst und uns Anteil haben lässt an deinen inneren Zuständen dabei! 🙂

    Viele Grüße,
    Jeca

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