Im Sommerloch sein

Sonne. 30 Grad. Und dann auch noch Urlaub. Es könnte nicht besser laufen, sollte man meinen.  Was kann denn jetzt bitteschön noch zum Glücklichsein fehlen? Es gibt Eis, es gibt Wassermelone mit Feta und Minze (mhhmm), die WM klopft an und das Freibad hat jeden Tag offen. Hurra.
Oder etwa nicht?

 

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Photo by Maximilien T´Scharner via unsplash.com

Seien wir doch mal ehrlich. Dieses idealisierte Bild vom Bilderbuchsommer hat mit der Wahrheit nicht immer so viel am Hut. Viele von uns schleppen sich mit letzter Kraft gerade so in die freien Tage. Einige haben vorher rund um die Uhr fürs Abitur gelernt oder im Job und zu Hause Vollgas gegeben. Einen großen Teil der Identität haben wir nur für eine Sache gelebt und die anderen Bereiche wie Hobbys oder Freunde vernachlässigt. Und nun? Wie geht das nochmal mit dieser Freizeit und was genau muss man machen, um entspannt zu sein?

Es sollte doch so schön werden.  Die letzten Kröten wurden für das Hotel direkt am Meer zusammengespart. „Alles inklusive“, hat der Mann im Reisebüro gesagt, „das Rundum-Sorglos-Paket. Sie müssen sich um nichts Gedanken machen“. Aber auf Rhodos, Mallorca oder in Italien angekommen, sah die Welt leider ganz anders aus.
Zugegeben:  Der Himmel und das Meer waren blau, das Essen hat satt gemacht, die Tage waren frei, aber die Seele, die war es eben nicht. Irgendwie war da ein großes, dunkles Loch, das sich weder mit Sangria, Gitarrenklängen am Lagerfeuer, noch mit tanzen oder Pommes füllen ließ.

So ein Sommerloch kommt gar nicht so selten vor, sage ich. Wenn der Funktionsmodus aus ist, und wir uns auf uns besinnen, dann fällt erstmal auf, was wir lange verdrängt haben. Da kommt eine große Leere und vielleicht auch Angst. Da sprießen Gefühle an die Oberfläche wie die Tulpen im Frühling.  Da kommen Fragen auf, dunkle Fragen. Diese Kategorie Fragen, die man bei einem Quiz gerne überspringen würde. Bei denen man zur Sicherheit erstmal den Telefonjoker nach seiner Meinung befragen will.

Das alles ist völlig normal. Wir sollten uns frei machen von der Vorstellung, dass im Sommer immer alles bestens läuft, nur weil es uns der Kalender oder der Dienstplan vorgibt. Wir sind auch keine glücklicheren, sorgenfreieren Menschen, nur weil wir gerade ein oder zwei freie Wochen vor uns haben.
Niemand muss sich verstellen, weil er an der Adria und nicht, wie sonst um diese Zeit, an der Bushaltestelle steht. Das ist genauso großer Quatsch, wie die Behauptung, Depressionen oder Ängste könnten durch Urlaub besser werden. Du bist, wer du bist: In New York, Castrop-Rauxel, Berlin und Rimini.

Und unter uns: Urlaub ist nicht immer schön. Urlaub hat auch ziemlich blöde Seiten: Stau, schwitzen, miese Laune, Schlange stehen (denn da wo es schön ist, da sind auch die anderen), Streit mit dem Ehemann, quengelige Kinder, Abzocke im Tourirestaurant – aber davon sieht man eben leider nur selten Bilder auf Instagram oder im Reiseführer.

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  1. Das Gleiche Phänomen erlebe ich immer wieder. Ich hangen mich von einem Ereignis in meinem Leben zum Nächsten. Zuletzt war es das verlängerte Wochenende bei meiner Familie. Ich kriege alles einigermaßen hin mit dem Gedanken, dass es nur noch so und so viele Tage sind, bis ich zu meiner Familie fahre. Und was ich dann alles machen werde! Das wird spitze! Davor war es der Schottland Urlaub mit meinem Freund. Jetzt ist es das Wochenende an dem ich mein Patenkind das erste Mal in den Armen halten werde. So hangel ich mich durch den Alltag um die Tage zu überstehen mit einem Ziel vor Augen. Aber wenn es dann soweit ist, bin ich jedes Mal ernüchtert. Weil nichts dadurch einfach besser oder weg ist, nur weil ich woanders bin. Nie ist es genauso wie ich es mir ausgemalt habe und jedes Mal wieder folgt mir mein Dementor und lacht mich aus. Er zeigt mir, dass es ihm scheißegal ist, wo ich bin, weil er einfach mitkommt.

    Schade, dass ich ihn nicht einfach abhängen kann.

    Lotta

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