Über „Tote Mädchen lügen nicht“

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Photo by Neil Thomas via unsplash
Über „Tote Mädchen lügen nicht“ wurde schon viel gesagt und deswegen habe ich mir die Netflix Sendung nun auch angeschaut. Ich wollte mir ein Bild davon machen, warum einige Kollegen das Absetzen der Sendung fordern. Viele von ihnen haben Angst vor dem „Werther Effekt“. Sie befürchten, es könne zu Nachahmungstaten kommen.
Gerade in dieser Woche kam wieder eine „Warnung“ der Bundespsychotherapeutenkammer raus (du findest sie hier).

Ich finde bei der Bewertung gibt es allerdings einen großen Denkfehler: Jugendliche in der heutigen Zeit sind nicht erst durch diese Sendung mit eigenen oder fremden Suizidgedanken konfrontiert. Es kommt in nahezu allen Schulen vor, dass Mitschüler aufgrund suizidaler Handlungen plötzlich im Unterricht fehlen. Und schauen wir uns in den Socialmedia Kanälen um, dann merken wir, dass das Thema auch dort sehr präsent ist. Auf Instagram z.B. finden sich über 150.000 (!) Einträge unter dem Hashtag „Suizid“. Darunter erschreckende Bilder von offenen Ritzwunden, Abschiedsbriefe oder Aufnahmen, die eine Ansammlung Aspirin neben einer Rasierklinge zeigen (gefällt 262 Mal). Das Thema existiert unter den Jugendlichen also bereits und wird nun durch Netflix in einem anderen Medium aufbereitet. Mit dem Unterschied, dass es jetzt auch die Erwachsenen, Mediziner und Pädagogen erreicht…

Es ist also, wenn ihr mich fragt, genau der verkehrte Weg, die Geschichte von Hanna Baker aus der Gesellschaft zu verbannen. Im Gegenteil: es ist ganz grossartig, dass jetzt viele Menschen über diese Sendung sprechen und sich auf unterschiedliche Arten damit auseinander setzen. Es ist ein lehrreiches Material, um damit in den Schulen zu arbeiten. Es ist gut, wenn Jugendliche untereinander darüber reden, denn reden ist immer besser, als alles für sich zu behalten. Und es ist eine wichtige Erinnerung daran, dass die Teenagerzeit eine wahnsinnig anstrengende und belastende Phase ist, die Potential für Krisen birgt. Wenn man erwachsen ist, vergisst man das manchmal.

Deswegen finde ich es gut, dass es eine Sendung wie „Tote Mädchen lügen nicht“ gibt. Mobbing, Suizidgedanken und Suizid sind Teil unseres Lebens und Realität in unserer Gesellschaft. Die Frage ist nur, wie wir damit umgehen wollen.

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5 Kommentare Gib deinen ab

  1. donking1977 sagt:

    Nicht nur auf Instagram… Gib mal bei Tumblr Suizid ein. Du wirst überrascht sein…

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  2. Ich glaubs dir. Ich verfolge das Ganze schon eine Weile und manche Feeds musste ich abbestellen, weil ich es auf Dauer zu krass fand… VG!

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  3. Tiffy sagt:

    Exakt meine Meinung! Ich bin zwar schon lange nicht mehr Zielgruppe und habe das beim Sehen deutlich gemerkt, aber ich denke, diese Serie darf nicht verboten werden – sie romantisiert den Suizid in keiner Weise. Sie erzeugt vielmehr Verständnis. Verständnis für die Beweggründe der Suizidanten und für den zerstörerischen Einfluss, den ein Selbstmord auf das gesamte Umfeld hat.

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  4. Anna sagt:

    Etwas spät, aber: es geht gar nicht um die Verbannung der Serie. Es geht darum, dass die Macher so einen großen schweren Gesprächsbrocken in den Raum geworfen haben (Suizid) und nun keiner weiß, wie damit umzugehen ist. Lehrer*innen sind überfordert, Eltern ebenso. Man kann die Serie nicht einfach unkommentiert im Unterricht zeigen. Zumal es in Deutschland auch einen Pressecodex gibt, der die Darstellung von Suizid verbietet. Die Macher hatten von Anfang an Hilfsangebote mit einblenden müssen (die kamen erst viel später nach viel Kritik). Und seien wir Mal ehrlich: in erster Linie geht es den Machern darum, viele Leute zu erreichen um möglichst viel Geld zu machen . Da geht es nicht um Aufklärung oder Suizidprävention. Gibt also beide Seiten. Gut dass das Thema jetzt präsent ist, aber es hätte besser gemacht werden können. Jetzt müssen die Einrichtungen die Suppe auslöffeln (gab viele Nachahmer*innen, die ihren Suizid, genau so wie Hanna B., Durchführten und planten.

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  5. Liebe Anna, danke für deinen Kommentar. Natürlich sollte niemand die Serie unkommentiert im Unterricht zeigen. Ich gehe davon aus, wenn im Unterricht ein Film gezeigt wird, dass er mit den Schülern vor- und nachbereitet wird. Auch vor der Serie gab es suizidale Schüler, die Eltern und Lehrer überfordert haben. Das ist, denke ich, ein großes Problem, denn eigentlich sollten Lehrkräfte zumindest ansatzweise darin geschult werden was dann zu tun ist: Es ist nichts neues, dass Pubertät, erste Liebe, Schulstress, Übergang in die Selbstständigkeit, schulische und berufliche Perspektive Potential für Krisen bietet. Deswegen wäre es auch sinnig schulpsychologische Dienste weiter auszubauen. Ich denke auch, dass es den Machern nicht um Aufklärung geht, aber ich könnte mir vorstellen, dass man es dafür nutzen kann.

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