A wie Angst und Ahoi

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Photo by Samuel Zeller via unsplash

Das Meer hat ein paar Eigenschaften, die man auch bei einem guten Therapeuten findet. Es ist zum Beispiel ein guter Zuhörer und lässt viel Raum zum Nachdenken. Es zeigt einem, dass man nicht alleine, dass man am Leben ist. Überhaupt finde ich, dass das Meer dazu anregt, sich auf eine positive Art mit sich selbst auseinanderzusetzen. Es erdet. Ein bisschen so, wie eine gute Achtsamkeitsübung. Nach einem Tag am Meer bin ich abends angenehm erschöpft. Und auch wenn ich am selben Fleck geblieben bin, kommt es mir so vor, als habe ich viel gesehen.

Aus einer Therapiestunde

In meiner Arbeit verwende ich gerne Metaphern und Zitate. Ich glaube, damit können viele Menschen etwas anfangen. Ich kann es zumindest und das ist schonmal ich eine wichtige Voraussetzung für alle therapeutischen Methoden, die man so anwendet.

Eines meiner Lieblingszitate hat ein bisschen mit dem Meer zu tun. Zumindest mit dem Wasser, denn es geht um Schiffe. Ich verwende das Zitat im Zusammenhang mit Ängsten. Dabei muss man zwischen zwei Patientengruppen unterscheiden: Menschen, die sich ihren Ängsten stellen und den anderen, die das nicht wollen. Schauen wir uns das Ganze am Beispiel der Flugangst (Aviophobie) an. Man kann sich ohne Probleme damit abfinden nicht mehr zu fliegen. Dann bucht man einen Urlaub an der Ostsee, da ist es ja auch schön, und dann kann man ganz unkompliziert mit der Bahn oder mit dem Auto anreisen. Und der Angst winkt man von Weitem zu und ist froh, dass sich die Wege nicht gekreuzt haben. Wenn man damit gut leben kann, dann ist das vollkommen ok.

Die zweite Möglichkeit ist Widerstand. Dann lässt man sich von der Angst nichts vorschreiben, schon gar nicht, wie und wo man Urlaub macht, wo kommen wir denn da hin? Und dann steigt man in ein Flugzug nach Neuseeland oder nach New York oder sonst wo hin, und nimmt die Angst eben mit. Schluss aus.

„Ein Schiff ist sicher wenn es im Hafen liegt, aber dafür wurden Schiffe nicht gebaut.“ William Shedd

Ein Therapeut kann immer nur einen kleinen Teil dieser Reise begleiten. Die größte Arbeit findet ohne ihn, im Alltag des Patienten, statt. Und deswegen sind es manchmal die kleine Dinge, wie ein Wort oder ein Spruch, die an die gemeinsamen Stunden oder die eigenen Erfolge erinnern können. An eine Beziehung, die stabil ist, an jemanden, der sich interessiert, der honoriert und aushält.

Schiffe und Schliffer

Das Meer sollte man also öfter aufsuchen, wenn man das kann. Es ist ein guter Ort für die Seele, egal ob mit und ohne Schiffen. Um es für sich nutzen zu können, muss man im Prinzip nicht viel machen. Eigentlich nur hinsetzen und warten. Alles, was dann kommt, ist richtig. Wut, Trauer, Schmerz, Freude und Angst.

Der Duden sagt, zu Schliffer kann man auch Span, Spreissel oder Splitter sagen. Gemeint ist aber immer das Selbe. Jedes Kind weiss, dass es ziemlich weh tut, einen Schliffer zu entfernen. Aber wenn er dann endlich draußen ist, dann ist das eine große Erlösung. Es braucht nur manchmal ein bisschen, bis die Wunde wieder verheilt ist.

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