Das alles (und noch viel mehr) kannst du nicht machen, wenn du mal eine Therapie gemacht hast…

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Es gibt ein großes Problem in unserem Gesundheitssystem. Genau genommen brennt es an vielen Stellen, aber eine Sache hat mich in dieser Woche ganz besonders gestört. Und dieses Mal hole ich weit aus. Schuld sind nicht nur die Krankenkassen (wie sonst so oft), sondern gleich die ganze Gesellschaft. Wütend bin ich. Wütend und ein bisschen fassungslos auch. Aber fangen wir vorne an…

Ich hatte einmal eine Patientin mit einer Essstörung. Das ist schon lange her, ein paar Jahre vielleicht. Damals haben wir richtig intensiv zusammen gearbeitet und das hat sich gelohnt. Heute ist sie aus dem Gröbsten raus, sie hat viele Themen durchgearbeitet, sie war offen und ehrlich zu sich selbst. Am Ende ist alles gut ausgegangen und ich konnte die Patientin guten Gewissens weiter ziehen lassen. Und dann habe ich auch nichts mehr von ihr gehört, was meistens ein gutes Zeichen ist. Bis sie sich vor ein paar Wochen meldete.
Erstmal habe ich mich wirklich gefreut von ihr zu hören. Sie war eine meiner ersten Patientinnen und noch dazu war sie mir sehr sympathisch. Gut gehe es ihr, sagte sie. Sie habe ihr Leben weitestgehend im Griff, ein – mehr oder weniger – normales Verhältnis zu ihrem Körper und mit dem Essen klappe es meistens gut. Die Schule hat sie erfolgreich abgeschlossen und nun wolle sie eine Ausbildung bei der Polizei machen. Das sei auch der Grund ihres Anrufs: weil sie vor einigen Jahren eine Psychotherapie gemacht hatte (und das angeben musste), habe sie im Bewerbungsverfahren schlechte Karten. Ob ich ihr vielleicht etwas schreiben könne? Moooment mal, denke ich. Ganz langsam. Man muss sich doch nicht rechtfertigen, weil man vor einigen Jahren Hilfe in Anspruch genommen hat. Oder doch?

Versteht mich nicht falsch, ich bin natürlich keine Expertin für das Bewerbungsverfahren der Polizei. Ich schätze ihre Arbeit sehr, ich glaube es ist ein anstrengender und gefährlicher Beruf und tauschen möchte ich auch nicht. Es ist ohne Frage ein Job, bei dem man psychisch belastbar sein muss. Aber eine Psychotherapie muss in diesem Zusammenhang nicht grundsätzlich von Nachteil sein. Ganz im Gegenteil. Psychotherapie ist die intensive Arbeit an den eigenen Grenzen. Es ist der ehrliche Umgang mit sich selbst, mit der eigenen Geschichte und allem Schmerzlichen was auf diesem Weg so passiert ist. Das, was wir anderen lieber gut verschlossen in eine dunkle Ecke schieben. Und glaubt mir ruhig, wenn ich sage, dass jeder von uns eine dunkle Ecke hat.

Eine aktenkundige Psychotherapie kann noch weitere Nachteile mit sich bringen. Nicht wenige Menschen, die davon Kenntnis haben, schrecken daher vor dem Besuch eines Psychotherapeuten zurück. Andere sehen sich deswegen gezwungen, die Therapie aus eigener Tasche zu zahlen. Und das kann eine teuere Angelegenheit werden.
Hier kommen andere Bereiche, in denen du Probleme bekommen kannst, wenn du in der Vergangenheit eine Psychotherapie gemacht hast:

  • bei der Verbeamtung
  • bei Abschluss einer Berufsunfähigkeitsversicherung
  • ein Wechsel in die private Krankenversicherung oder eine private Zusatzversicherung
  • Ausbildung bei der Polizei, als Pilot etc.

Ich fasse zusammen: Wer sich helfen lässt, an sich und seiner Gesundheit arbeitet, der hat deswegen vielleicht einen Nachteil. Irre, oder? Obendrein ist das ein großer Unfug und führt uns letztendlich zu meiner Lieblingsfrage: heisst das im Umkehrschluss auch, psychisch krank ist der, der einen Arzt aufsucht? Ist es nicht viel schlimmer, wenn Menschen nicht an sich arbeiten?  Und überspitzt gefragt, wann fängt eigentlich Krankheit oder eine Essstörung an? Dann, wenn du mit deinem Körper unzufrieden bist? Wenn du täglich Sport treibst oder eine strenge Diät verfolgst? Bei einer Kandidatur bei Germanys Next Topmodel? Oder erst dann, wenn du einen Therapeuten aufsuchst? Ihr merkt schon, hier läuft etwas nicht rund…

Wer eine Psychotherapie macht, der ist vielen anderen Menschen schonmal zwei Schritte vorraus: er hat sich ein Problem eingestanden und er will daran etwas ändern. Mehr ist es erstmal nicht.

Meine Patientin hat den Ausbildungsplatz übrigens nicht bekommen. Die genauen Gründe kenne ich nicht. Sie war jedenfalls sehr traurig und ich irgendwie auch. Ich glaube, sie wäre eine gute Polizistin geworden.

Für geplatzte Träume gibt es leider keine Therapie.

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Wer weiterlesen will – hier meine Umzugskistenwiederentdeckung: „Irre! Wir behandeln die Falschen“ von Manfred Lütz, gibts hier.

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3 Kommentare Gib deinen ab

  1. Janine sagt:

    Es ist allerdings auch so, dass selbst wenn man die Therapie privat bezahlt, man diese dennoch angeben muss – ansonsten ist es Betrug :-/
    Wer Therapie macht, hat schlechte Karten bei der Verbeamtung. Bei dem Abschluss einer Berufsunfähigkeitsversicherung und so weiter. Ziemlich verrückt, denn wer käme auf die Idee zu sagen „hattest du eine Zahnspange? Dann kannst du keine beamtenlaufbahn machen“.
    Aber wenn sich jemand professionelle Unterstützung bei der Bewältigung von Krisen/Problemen/… sucht wird man dafür auch noch viele Jahre später bestraft.
    Besonders dumm, wenn man das erst merkt, wenn man nichts mehr machen kann.
    Allerdings: was, wenn man es vorher weiß? Muss man sich entscheiden zwischen Gesundheit und Karriere/Traumberuf? Worte Welt :/

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  2. Max sagt:

    Das ist echt der Wahnsinn! Da versteht man die Welt nicht mehr. Es ist doch so dass sie an ihrem Problem gearbeitet hat und dadurch weiter ist als einige und sogar vielleicht psychisch belastbarer. Komisches System

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  3. Herr Bock sagt:

    Psychische Krankheiten sind ein grundsätzliches Problem in unserer Gesellschaft. Nicht nur, dass „Kranke“ einen Job oder Ausbildung nicht bekommen, sondern auch als „nicht leistungsfähig“ abgestempelt werden. Nur weil ich rezidivierende Depressionen habe, heißt das nicht, dass ich nicht arbeiten kann. Nur, weil ich therapeutische Maßnahmen hatte, bin ich nicht bekloppt – eben wie du es sagst: Ich bin anderen 2 Schritte voraus. Ich hab mein Problem erkannt, ich versuche aktiv mein Leben anders zu gestalten und gehe mutig auf meine Probleme zu. Wir haben in unserer Leben aber die Chance, genau diese Vorurteile kleiner werden zu lassen, indem wir so darüber reden. Offen, ohne Vorurteile.

    Gott sei Dank habe ich einen Chef, der meine Offenheit zu schätzen weiß. Da hat Aufklärung und Prävention mal funktioniert. Es ist ein Tropfen auf dem heißen Stein. Nur Offenheit funktioniert. Eigentlich. Und wenn ich offen bin, werden Türen wieder zu gemacht. Was bleibt? Weiter reden. Und kopfschüttelnd zur Kenntnis nehmen.

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