Einer muss ja schuld sein // Parentblaming

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Photo by Jenn Richardson via unsplash
Erstens: Es lebt sich für alle leichter, wenn es einen Schuldigen gibt. Vorausgesetzt natürlich, man wurde nicht selbst dazu ausgewählt. Dann kann man empört in Richtung Schuldigen zeigen, die Augenbrauen hochziehen, böse vor sich hin murmeln und möglichst vielen davon erzählen, dass es einen Verursacher des Übels gibt. Finally. Und mehr muss man dann auch nicht machen.

Zweitens: Wenn Kinder psychisch erkranken, dann sind per se die Eltern schuld. Und das bekommen sie von ihrem Umfeld spätestens dann zu spüren, wenn sie sich irgendwo Hilfe holen. Zum Beispiel beim Jugendamt. Dann hört die Akzeptanz der Gesellschaft schneller auf, als man „Denk nochmal nach“ sagen kann. Und mehr kann man dann auch nicht machen.

„Halt, Stop! Das kann man so aber nicht sagen“, sagt die Psychotherapeutin. Denn erstens: Das Thema Schuld bringt uns in der Psychotherapie keinen Millimeter weiter. Eigentlich bringt es uns im Leben fast nie voran. Schwierige Situationen gibt es immer. Viel wichtiger ist doch, wie wir mit ihnen umgehen und was wir daraus lernen können. Und zweitens: Ziel der Kinder- und Jugendpsychiatrie sollte es sein, die Eltern ins Boot zu holen um gemeinsam mit Schule und Umfeld an der Problematik zu arbeiten. Mit- nicht gegeneinander.

Ja, die ersten Jahre eines Kindes sind prägend und wichtig für die weitere Entwicklung. Und natürlich sollten Kinder sicher gebunden aufwachsen. Aber das optimale Leben gibt es eben nicht. Und wir würden es uns so einfach machen, wenn wir immer den Eltern den schwarzen Peter zuschieben würden. Ihr habt Recht wenn ihr sagt, dass es Fälle gibt, in denen Eltern unfassbar viel Leid verursachen und einen erheblichen Teil zur Erkrankung ihres Kindes beitragen. Aber das ist eben nicht immer so. Deswegen ist die Psychiatrie ja so ein spannendes Arbeitsfeld, weil jeder Mensch einzigartig und jede Geschichte anders ist. Eine psychische Erkrankung hat oft multifaktorielle Ursachen, sagen die Experten.

Ich arbeite mit vielen engagierten, besorgten Eltern zusammen, die sehr bemüht um die weitere Entwicklung ihres Kindes sind. Die sich Urlaub nehmen, um den Termin in der psychiatrischen Ambulanz wahrnehmen zu können. Die in ihrer Mittagspause bei mir anrufen, weil sie sich um ihr Kind sorgen. Die ihr knappes Geld für den Bus ausgeben, damit sie zum Elterngespräch kommen können. Und da frage ich mich doch: warum ist die Akzeptanz unserer Gesellschaft so viel größer, wenn ein Kind körperlich erkrankt ist? Warum habe ich noch nie von Spendenaktionen für Eltern psychisch kranker Kinder gehört? Wer unterstützt diese Eltern, damit sie ihre Kinder in Spezialkliniken besuchen und an der Elternarbeit mitwirken können? Wie machen das eigentlich Alleinerziehende? Und wovon leben sie in dieser Zeit?

Selbsthilfegruppen und Vernetzung der betroffenen Angehörigen, das sind gute erste Schritte (so wie hier www.angehoerige.ch). Auch in der Psychiatrie wird der Fokus zunehmend mehr auf die Arbeit mit den Angehörigen gelegt. Und das Umfeld, das sollte sich einfach mal Gedanken darüber machen, dass leider niemand davor gefeit ist, dass das eigene Kind im Laufe des Lebens erkrankt. Körperlich und psychisch.

 

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8 Kommentare Gib deinen ab

  1. Alice sagt:

    ich erinnere mich noch daran, wie meine Eltern behandelt wurden, nachdem bekannt war, dass ihre Kinder psychisch krank sind. Sie verloren sehr viele Kontakte, vor allem in der Nachbarschaft und hatten kaum Rückhalt.
    Kann deinem Beitrag leider nur beipflichten.
    Und so sollte es auf keinen Fall bleiben!

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  2. Sie sagt:

    Ich bin in einer Zeit an Anorexie erkrankt, in der Hilde Bruch noch Standard war. Also die Mutter. Vor allem die Mutter. Und, nun, bestimmt dann auch der Vater. Irgendwie. Denn wo soll sonst so eine schwere Erkrankung herkommen?

    Ich wurde in der KJP vom Personal gefragt, ob meine Mutter mich „überhaupt lieb“ habe.
    Und man legte mir mit 17 dringend ans Herz, in eine betreute WG zu ziehen.

    Bei mir geschag zweierlei: zuerst war ich verwirrt und hinterfragte mein Verhältnis zu meinen Eltern bis ins Kleinste. Und – Überraschung – es gab Dinge und Situationen, Worte und Erfahrungen, die hatten mich verletzt! Alles klar also – oder?
    Als ich begriff, dass meine Eltern nicht mehr und nicht weniger mit meiner AN zu tun hatten (kausal gesehen), als viele andere Beziehungen, begann ich mit Abwehr. Sagte ein Arzt/Therapeut nur irgendwann: „…und ihre Eltern/Mutter….?“ machte ich dicht. Sprang ihnen ins Gesicht und sagte, Bruch sei ja wohl längst überholt, dieses Elternblaming grauenvoll.

    Bedauerlicherweise machte diese Abwehr für mich persönlich den Prozess unmöglich, mich mit tatsächlich schwierigen Beziehungsmustern zu meiner Mutter auseinanderzusetzen. Weil ich sie um jeden Preis schützen wollte. Und das galt ganz oder gar nicht.

    In der Beratungsstelle, in der ich damals zuallererst war (Drogen etc), hing ein Plakat, dessen Satz ich bis heute zitiere, weil er so wahr ist (und übertragbar):

    „Aus ganz normalen Familien
    kommen ganz normale Süchtige“

    LG

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  3. Hat dies auf Konflikte lösen rebloggt und kommentierte:
    Sehr gut. Dieses „Schuldbeweisen“ nützt erstens nichts und außerdem kann es viele Eltern davon abhalten, Hilfe zu suchen. Damit ist niemandem geholfen.

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  4. Jenny sagt:

    Ich habe über die Jahre nie gemerkt, dass meine Eltern eigentlich schuld sind, dass ich jetzt so bin wie ich bin. Als ich schon über 20 Jahre alt war, warf ich ihnen diese Dinge an den Kopf. Ohne Vorwarnung und alles. Sie verstanden es nicht und brauchte lange um ein zu sehen, dass auch sie Fehler machen.
    Ich finde einen Beitrag sehr wichtig und pflichte dem bei, aber was ist, wenn sie einfach Schuld sind? Wenn sie es die ganze Kindheit lang nicht merken? Wenn du mit 25 Jahren da sitzt, vor einer Analyse der Therapeutin und eigentlich alles auf deine Eltern und Kindheit zurück zu führen ist? Ich finde es schwierig, ihnen da nicht die Schuld zu geben. Aber wie du gleich zum Anfang schreibst: „Es lebt sich für alle leichter, wenn es einen Schuldigen gibt.“
    Vermutlich ist es das, was mich dazu bewegt, sie als Schuldige zu ernennen. Weil sie mich nichts anderes gelehrt haben. Wie siehst du das? Ist das unfair?

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  5. Liebe Jenny,
    erstmal vielen Dank für deinen sehr persönlichen, reflektierten Kommentar. Du hast Recht wenn du schreibst, dass Eltern sehr viel falsch machen und für viel Leid sorgen können. Alle Eltern machen Fehler. Und manchmal sind es zu vernachlässigende Kleinigkeiten, und in anderen Fällen sind es einfach zu viele zu vernachlässigende Kleinigkeiten, und manchmal auch wirklich große, schlimme Dinge, die Eltern in der Erziehung ihrer Kinder falsch machen. Das ist bei jedem Menschen anders.
    Ich kenne deine Geschichte nicht, deswegen kann ich deine spezielle Frage nur schwer beantworten. Ich finde aber gut, dass du deine Eltern mit deinen Gedanken und Empfindungen konfrontiert hast. Vielleicht ist das ja auch eine Chance, in der Zukunft einen anderen Weg einzuschlagen…?
    Ganz allgemein denke ich, dass Angehörige häufig nur mangelhaft unterstützt und viel häufiger von ihrem Umfeld negativ beeinflusst werden. Viele Eltern scheuen den Gang zur Beratungsstelle, aus Angst vor den Reaktionen des Umfeldes – und manchmal ist es dann schon fast zu spät, wenn sie zu uns kommen. Leider haben wir in der Kinder- und Jugendpsychiatrie auch nicht immer die Möglichkeit wirklich eng mit der Familie zusammen zuarbeiten, obwohl das wichtig wäre.
    Dieser Artikel richtet sich vor allem gegen die Bewegung, in der die Eltern pauschal beschuldigt werden oder sich schuldig fühlen, denn wenn man rechtzeitig mit ihnen zusammenarbeitet, dann kann man vielleicht gemeinsam Fehler und Unstimmigkeiten ausgleichen.
    Wie bei einem bunten Blumenstrauß gibt es auch die vielen anderen Fälle, in denen noch weitere Ursachen dazu beitragen, dass ein Mensch psychisch krank wird, was nicht heisst, dass es in deinem Fall eben anders ist.
    Hab einen schönen Tag!

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  6. Ich habe mir einmal sagen lassen, es sei besser, von ursächlicher Beteiligung zu sprechen, als von Schuld.
    Denn natürlich haben die Eltern Einfluss auf die psychische Entwicklung ihrer Kinder. Wie sollte es anders sein?
    Und auch wenn die allermeisten Eltern ihren Kindern keinen Schaden zufügen wollen, so machen sie doch Fehler, oder bringen eigene Probleme mit, die ihre Kinder in Mitleidenschaft ziehen. Ich denke da an die Kinder der Kriegskinder, die überdurchschnittlich häufig unter psychischen Problemen zu leiden scheinen.
    Hier von Schuld zu sprechen, wäre zutiefst ungerecht!
    Dennoch halte ich es für sinnvoll, die Punkte zu kennen, an denen die eigenen Eltern zum Entstehen einer psychischen Erkrankung beigetragen haben. Und diesen – sofern irgend möglich – zu verzeihen.

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  7. Ich denke schon, dass es wichtig ist, herauszufinden, ob Eltern „schuld“ sind. Nur dann kann man ja z.b. an ungesunden Beziehungen o. Ä. Arbeiten

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  8. Tiffy sagt:

    Auf meinem therapeutischen Weg habe ich erkannt, dass ich selbst von ganz viel Schuld und Scham begleitet werde. Mir tut es gut, herauszufinden, wen die Schuld eigentlich trifft, die ich mit mir herumschleppe. Ich finde es aber sehr wichtig, zwischen Schuld im Sinne von Verursachung und Verantwortlichkeit und Schuld im Sinne von strafrechtlich relevant oder moralisch verwerflich zu unterscheiden. An der Entstehung meiner Erkrankung / Behinderung sind oder waren Menschen beteiligt, die Schuld in allen Richtungen trifft.

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