Von einer, die auszog, das Fürchten zu lehren // Angststörungen

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Photo by Ezra Jeffrey via unsplash

Ich bin ein guter Reiseführer, was den Weg durch die Angst angeht. Angst ist etwas, was auch ich in- und auswendig kenne. Flugangst zum Beispiel. Ohgottohgott… auch ich, Frau Therapeutin, habe Ängste – und trotzdem lasse ich mich nicht davon abbringen, in den Flieger nach Spanien zu steigen, um am Pool rumzuliegen.
Angst ist grundsätzlich etwas Gutes. Jeder Mensch kennt sie und wer sie nicht kennt, der hat ein noch viel größeres Problem. Außerdem ist Angst überlebenswichtig und hat unsere Vorfahren aus vielen gefährlichen Situationen gerettet. Dass unser Herz dann schneller schlägt, die Atmung sich verändert, dass wir mit einer Art „Tunnelblick“ das Drumherum verschwommen sehen und einen Punkt anfixieren, ist eine wichtige Funktion, um fliehen oder sich verteidigen zu können. Schwierig wird es, wenn sich die Angst in alltäglichen Situationen zu Wort meldet und einen „Fehlalarm“ auslöst. Wenn die Angst so häufig vorbeischaut, dass ein normaler Alltag nur schwer möglich ist und bestimmte Dinge oder Situationen vermieden werden, dann sprechen wir von einer Angststörung. Man kann vor den verschiedensten Sachen Ängste oder Phobien entwickeln zum Beispiel:
vor sozialen Situationen (soziale Phobie),
vor Menschenmengen und öffentlichen Plätzen (Agoraphobie),
vor Tieren (z.B. Spinnen, Schlangen),
in bestimmten Situationen (z.B. Tunnel, Aufzug),
vor dem Urinieren auf öffentlichen Toiletten,
vor dem Erröten (Erythrophobie)
oder vor Spritzen (usw.). Bei der generalisierten Angststörung tritt die Angst aus heiterem Himmel auf, ohne bestimmten Auslöser.
Besonders tückig ist die Angst vor der Angst: Betroffene haben bereits Stunden vor der eigentlichen Situation Angst davor, dass die Angst in der Situation auftreten könnte. Wir nennen das den „Teufelskreis der Angst“.
Aber, wie kommt man nun aus diesem ganzen Schlamassel wieder heraus? Ich sags euch ohne viel Tamtam: Der Weg aus der Angst ist immer ein Weg durch die Angst. Vom Vermeiden wird nichts besser. Als Jugendliche habe ich einmal im Fernsehen gesehen, wie eine Frau ihre Angst vor Spinnen bekämpfen sollte. Zunächst bekam sie Bilder einer Spinne gezeigt, dann eine Spielzeugspinne und schlussendlich sollte sie sich einer echten Spinne annähern. Heute weiss ich, das hier beschriebene Modell, eine Exposition, kommt aus der Verhaltenstherapie und hat sich gut bewährt. Andere Hilfsmittel wie ein Handy mit Notfallnummern oder eine Art Krisenplan können entlastend wirken – das Gegenteil von Angst ist nämlich „Sicherheit“. Und ein wirklich guter Tipp sind Entspannungsübungen und autogenes Training. Wer sich entspannt, oder sich an einen anderen Ort träumt, dem kann die Angst nämlich nicht mehr viel anhaben. Der Therapeut kann beim Erlernen von Bewältigungstricks helfen oder den Ursachen für die Entstehung der Angststörung auf den Grund gehen. Dennoch soll und kann die Angst nicht komplett verschwinden, weil jeder gesunde Mensch nunmal Ängste hat.

Zum Vertiefen:

Für die Kleinen: Rosi in der Geisterbahn ist ein liebevoll gestaltetes Kinderbuch, in dem ein Hase seine Angst vor Monstern bekämpft.

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Zum Anschauen für die Großen: Hedi Schneider steckt fest  ist ein deutscher Film, der mein Herz im Open Air Kino gewonnen hat. Schon der Trailer lohnt sich.

Für alle, die sich tiefergehend mit der Materie auseinander setzen wollen: Grundformen der Angst mit den Kapiteln: Angst vor Hingabe, Angst vor Selbstzuwendung, Angst vor Veränderung (…) ist ein absoluter Klassiker der Psychologie.

Schönes Wochenende allen!

Quelle: Kandale, Rubenstein: Das Repertitorium, 2014, S. 176.

 

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Angst ist ein schreckliches Gefühl, das kenne ich nur zu gut…ich hab täglich damit zu kämpfen. 😦

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  2. „Sich mit der Angst auseinander setzen“ – schön gesagt und doch so schwer. Manchmal muss man auch den inneren Schweinehund besiegen, denn das Vermeiden ist der deutlich einfachere Weg.

    Und: Auch wenn es in der Angststörung natürlich der richtige Weg ist, sich der Angst zu stellen und sie aushalten, ist es doch dann besonders schwer zu erkennen, wann die Angst berechtigt ist. Die Angst dann auszuhalten, kann mit unter fatal sein.

    Und mit diesem Gedanken kommt das nächste Schrittchen im Teufelskreislauf dazu: Die „gute“ Angst nicht mehr von der „Schlechten“ unterscheiden zu können – und/oder (wahrscheinlicher) Angst davor zu haben, diese Fähigkeit zu verlieren.

    Nebenbei:
    Das Schlimmste für uns: Leute, die behaupten, man solle sich nicht so anstellen. Aber das haben wir ja auch mit den Stimmungsstörungen gemein. :/

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